Fluss und Fels – eine Geschichte der Transformation

am 17.12.2012 von Océane

L-09025Heute möchte ich eine kleine Allegorie mit euch teilen. Es ist die Geschichte eines Felsens… Gedanken und Gefühle zum Thema Transformation.

Still ruhte der kleine Fels in seinem Bett aus Staub und Erde. Die Sonne heizte ihn auf, der Regen wusch ihn ab, und der Wind trocknete ihn. Die Kälte von Schnee und Frost ging dem Felsen durch und durch, aber nach einer gewissen Zeit ließ sie immer wieder von ihm ab. „Ich bin Fels“, dachte der kleine Fels.

Irgendwann bemerkte er das Wasser. Zuerst waren es Tropfen, die sich vor ihm in einer Erdkuhle sammelten. Sie kamen von einem Ort weiter oben, suchten sich ihren Weg durch die Rinne, in der der Fels lag. Das Wasser wurde immer mehr und staute sich vor dem Fels, befeuchtete ihn sacht am Fuß. Der Fels spürte, wie eisig kalt dieses Wasser war, das ging ihm durch Mark und Bein. Es war ein anderes Wasser als das, welches er bisher gewohnt war. Der Regen war weich und warm im Vergleich zu diesem Wasser. Er liebte den Regen.

„Woher kommst du?“ fragte der Fels das neue Wasser. „Aus dem Eis“, antwortete dieses. Der Fels fror, und so beschloss er, das Wasser zu lieben. Er breitete seine Arme aus und hieß es willkommen.

Doch das Wasser stieg weiter, und irgendwann begann es am Fels vorbeizurinnen. Für den Felsen fühlte sich das an, als ob das Wasser ihn an den Rippen kitzelte. Dann stieg es noch weiter an, um den Felsen schließlich ganz zu überspülen. Kurz bevor er in der Flut versank, nahm der Fels Abschied von seiner Gefährtin, der Luft, die ihn bisher allein umspült hatte. Er dankte ihr und sagte Lebewohl. „Von nun an bin ich Fels im Wasser“, dachte er.

Das Wasser schwoll an und wurde zum Wildbach. Sachte begann das Wasser den Fels anzustoßen. Dieser wusste nicht, wie ihm geschah. „Was machst du mit mir?“ fragte er das Wasser. „Ich bewege dich“, antwortete es ihm. Der Fels beschloss, sich der Bewegung zu überlassen, er stemmte sich nicht dagegen. „Ich werde bewegt“, dachte er nur.

Die Kraft des Wassers wuchs weiter, und irgendwann wurde es zum Fluss. Der Fels auf dem Kiesgrund war es mittlerweile gewohnt, wie das Wasser an ihm herumrüttelte. Dann kam ein Tag im Frühling, da stieß die Wucht des Wassers den Felsen mit einem Mal von seinem Platz, dem Platz, an dem er sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte. Nun lag er kopfüber zwischen den Flusskieseln, die das Wasser mit der Zeit hierher getragen hatte. Sein Fuß ragte nach oben in die Strömung. Wie er da so zwischen den Flusskieseln steckte, Kopf an Kopf mit ihnen, begann er ein wenig davon zu verstehen, wie es war, so klein zu sein. Von hier unten sah alles ganz anders aus – und verkehrt herum noch dazu. Aber das änderte sich sehr bald wieder, denn das Wasser versetzte dem Felsen einen zweiten Stoß und stellte ihn wieder auf seinen Fuß. Fast musste der Fels lachen. „Ich werde gerollt“, dachte er amüsiert.

Nun ließ ihm das Wasser eine Zeit lang seine Ruhe. Er verweilte auf seinem neuen Platz am Grunde des Flusses und ließ alles an sich vorüberströmen, was so des Weges kam. Das Wasser, die Kiesel, allerlei Getier und Pflanzenteile. Er fühlte sich wieder ein klein wenig wie damals, als er oben an der Luft geruht und das Leben an sich vorüberziehen gesehen hatte. Dabei fiel ihm auf, dass er sich gar nicht mehr daran erinnern konnte, wie sich Luft anfühlte. „Nun bin ich wirklich Teil des Wassers“, stellte der Fels fest.

Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, als ihn eine gewaltige Woge packte, von seinem Platz am Kiesgrund hob und mitschwemmte. Die Strömung war so stark, dass der Fels gar nicht mehr zum Liegen kam, und schwindelnd sah er zu, wie der Kiesboden unter ihm hinwegsauste. „Was machst du mit mir?“ fragte er das Wasser. „Was geschieht mit mir?“ Das Wasser antwortete: „Ich reiße dich mit. Du schwimmst“. Dem Fels verging Hören und Sehen, und diesmal brauchte er einige Zeit, um sich mit diesem neuen Umstand vertraut zu machen. „Ich schwimme, ich schwimme“, murmelte er immer wieder vor sich hin, wie um sich selbst zu beruhigen.

Zwischendurch setzte das Wasser ihn dann und wann kurz ab, aber jedes Mal viel zu kurz, als dass der Fels sich wieder hätte in den Griff bekommen können. Ihm schwindelte weiterhin, denn es war eine gar zu ungewohnte Situation für einen Felsen, derart seines festen Haltes auf dem Erdboden beraubt zu sein, und sei es auch nur der Kiesgrund auf dem Fluss. Überdies kollidierte er immer wieder mit anderen Steinen oder Pflanzenteilen, die im Wasser schwammen. Ihm war nicht bewusst, was für ein Glück er bisher gehabt hatte, denn diese Steine oder Pflanzenteile waren um vieles kleiner gewesen als er selbst.

Und irgendwann geschah das, was geschehen musste, was unausweichlich war, wenn man als Fels in einem wilden Gewässer dahintreibt. Der Felsen stieß an einen anderen Felsen, der im Wasser ruhte, und der um ein Vielfaches größer und mächtiger war als er selbst. Dieser mächtige Felsen empfand die Kollision wie einen sanften Schubser, denn er war es seit Unzeiten gewohnt, im Wasser zu stehen, diesem Widerstand zu leisten und das dahertreibende Schwemmgut an sich abprallen zu lassen.

Für unseren Felsen jedoch ging dieser Zusammenstoß anders aus. Er zerbarst in unzählige kleine Brocken, die der Fluss weiter mit sich fortspülte, ohne innezuhalten. Der Felsen fühlte, wie er auseinandergerissen und als eine Vielzahl von Steinen und Steinchen weiter durch das Wasser getragen wurde. Das Ereignis trat derart abrupt und gewaltsam ein, dass der Felsen gar nicht zum Denken kam. Ein Ruck, und plötzlich war er nicht mehr ein Großes, sondern viele Kleine. Dennoch war er immer noch er selbst, ein Geist des Felsens, der all die kleinen Gesteinsbrocken durchdrang und miteinander verband. „Ich bin viele“, stammelte der Fels erstaunt, und das Wasser lachte.

Doch jenes Ereignis, das soeben das Dasein unseres Felsens auf so übermächtige Weise und so vollständig verändert hat, wiederholte sich nun immer und immer wieder. All die vielen großen und kleinen Gesteinsbrocken kollidierten noch so oft mit größeren Felsen, mit Schwemmgut und schließlich auch miteinander, bis sie irgendwann zu feinem Sand zermahlen waren. Der Felsengeist jedoch, der diesen Gesteinsstaub noch immer umhüllte, war inzwischen mit diesem unvermeidlichen Vorgang so vertraut, dass er ihm zur zweiten Natur geworden war. Tatsächlich ist er das Schicksal jedweden Treibguts, das vom Wasser mitgespült wird, und das hatte der Felsen nun verstanden. Er ruhte wieder in sich selbst, eins mit dem Vorgang des Zermahlen- und Mitgeschwemmtwerdens. Er hatte jeglichen Widerstand, jegliches Infragestellen der Geschehnisse und alle Angst vor der konstanten Metamorphose aufgegeben. Gleichzeitig hatte er sich zu einer derartigen Größe ausgeweitet, dass man sie als schier unendlich beschreiben kann, denn der Gesteinsstaub war überall. Der Felsengeist fühlte sich verbunden mit der Strömung des Wassers, des Lebens, ja sogar mit allem anderen, das in diesem Fluss mit dahinströmte. Er spürte sich nicht mehr nur als Gesteinsstaub, er konnte sich auch als das Wasser selbst spüren, das ihn trug. Alles war gut so wie es war. „Ich bin alles“, dachte er und fühlte sich so seltsam leicht dabei.

Und so erreichte er eines Tages das Meer. Er vereinigte sich mit ihm und erkannte die grenzenlose Weite des Seins. „Ich bin“, dachte er und legte sich zufrieden auf dem Meeresboden zur Ruhe.