Assad-Rede: Die zwei Welten der Berichterstattung

am 07.01.2013 durch Jens Blecker auf iknews.de
tomatenaufdenaugenMit großer Spannung wurde gestern die Rede des syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad erwartet. Es war seine erste seit Juli letzten Jahres. Ganz offensichtlich gab es große Unterschiede bei den Übersetzern, anders lassen sich die Meldungen der Nachrichtenagenturen nicht erklären. Sind die Missverständnisse so groß oder wird hier mal wieder auf menschenverachtende Weise westliche Propaganda gemacht? Eines ist relativ sicher: der Westen hat seine eigenen Pläne mit Syrien.

Sehr früh war die Junge Welt dran mit einem Artikel zur Rede von Assad. Nüchtern, sachlich und fundiert wurde berichtet, was Assad der Weltgemeinschaft zu sagen hatte. Genau so sollte es bei einem Bericht über die Ansprache eines Staatschefs auch sein, besonders in einer derart heiklen Situation. So schrieb Karin Leukefeld für die Junge Welt:

Assad: Ganz Syrien leidet
Präsident will Versöhnungskonferenz, lehnt aber Dialog mit »Marionetten des Westens« ab.
[…]
»Auf den Straßen unseres Landes« gebe es »keinen Ort für Freude, Sicherheit und Stabilität« mehr. Bei den anhaltenden Auseinandersetzungen handele es sich »nicht um einen Krieg zwischen der Regierung und der Opposition, sondern um einen Krieg der Nation gegen Mörder und Kriminelle«, sagte Assad.
[…]
Zur Beilegung des Konflikts machte der Präsident mehrere Vorschläge. So solle mit allen, »die Syrien nicht verraten haben«, eine Versöhnungskonferenz und eine verfassunggebende Versammlung einberufen werden. Auf deren Basis solle es Neuwahlen und eine neue Regierung geben. Für alle im Zuge des Konflikts Verhafteten kündigte Assad eine Amnestie an. Einen Dialog mit »Marionetten des Westens« lehnte der Staatschef hingegen ab.
[…]
Bedingung für jede politische Lösung sei zudem, so Assad, daß regionale und internationale Mächte »die Finanzierung und Bewaffnung (der Aufständischen) einstellen«. »Die Terroroperationen müssen beendet und die Grenzen wieder kontrolliert werden«, forderte Assad.[1]

Ganz anders klingt das aus den Sprachrohren der Angelsachsen. Liest man sich einen Beitrag von Erika Solomon und Peter Graff bei Reuters durch, scheint die Regierung in Syrien völlig uneinsichtig. Auszüge aus Reuters:

Syrischer Präsident Assad lehnt Zugeständnisse ab
Der syrische Präsident Baschar al-Assad gibt sich trotz immer größerer Erfolge der Rebellen kompromisslos.
In seiner ersten Rede seit Juni bezeichnete der Staatschef am Sonntag die Opposition als “Marionette des Westens” und lehnte einen Dialog sowie Zugeständnisse ab. Mit Blick auf die Rebellen vor den Toren der Hauptstadt Damaskus rief Assad die Syrer zur Mobilisierung auf. Neue Vorschläge zur einer Lösung des Konflikts blieben aus: Assad wiederholte, für einen Waffenstillstand müssten zunächst die Rebellen ihren Kampf einstellen – was die Opposition umgehend ablehnte. Im Ausland wurde die Rede als “Wiederholung leerer Versprechen” gewertet.[2]

Bei dem Artikel wird nicht vergessen zu erwähnen, dass die Rebellen eigentlich bis auf die Hauptstadt schon ganz Syrien erobert haben. Lehnte Assad denn nun den Dialog ab und weigerte sich, Zugeständnisse zu machen, oder weigerte er sich nur, die durch den Westen finanzierten und aufgerüsteten “Rebellen” als Gesprächspartner an den Tisch zu holen? Nun, wer es überprüfen möchte, hier die gesamte Rede von Assad auf Englisch:


Nun haben wir ja auch noch die russischen Nachrichtenagenturen, schauen wir mal, wie die es sehen. Zumindest die Überschrift klingt schon mal versöhnlich:

Assad schlägt schrittweise Überwindung der Syrien-Krise vor
In der ersten Etappe der Krisenüberwindung sollten sich andere Staaten laut Assad verpflichten, die finanzielle Unterstützung für die in Syrien agierenden Terroristen einzustellen. In der zweiten Etappe sollte eine Regierungskonferenz zum nationalen Dialog einberufen werden. Eine Verfassungscharta, die auf der Konferenz ausgearbeitet werden solle, müsse die wichtigsten Bestimmungen eines neuen Grundgesetzes beinhalten. Das Dokument soll zur Volksaussprache unterbreitet werden, so Assad. [3]

Auch die New York Times möchte eher die Regierung Assad dämonisieren, als Frieden für die Bevölkerung schaffen. Wenig sachlich lautet dort die Überschrift:

Trotzige Rede von Assad ist eine neue Blockade des Friedens in Syrien
Es klang trotzig, selbstbewusst, gerichtet an die Kritiker. Ohne Rücksicht auf die Beschwerden seines Volkes nutzte Präsident Bashar al-Assad seine ersten öffentliche Ansprache seit sechs Monaten, um sein hartes Durchgreifen zu legitimieren, seine Anhänger um sich zu scharen und zu informieren, sowie die jüngsten Bemühungen um eine politische Lösung des vom blutigen Bürgerkrieg gezeichneten Landes zu zerstören.[4]

Positiv angemerkt sei hier, dass in dem NYT-Artikel zumindest erwähnt wird, welche Angebote Assad gemacht hat. Auch wenn es unter der Erklärung “Herr Assad erklärte, was er einen Friedensplan nennt” geschah.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen empfehlen, sich Ihr eigenes Urteil zu bilden. Es ging mir darum zu zeigen, wie unterschiedlich und subjektiv solche Reden interpretiert werden können – je nach dem, was man erreichen möchte. Der Westen scheint nicht an einer friedlichen Lösung und Frieden für Syrien interessiert zu sein, zu eindeutig und klar kommt das in den Pressemeldungen hervor.

Carpe diem