Gott und die Murmeln

am 11.04.2013 von Océane

Wie können wir viele sein und trotzdem EINS? Wie können wir WIR und HIER sein und trotzdem „in Gott“? Wie war es ganz am Anfang, dieses Spiel auf diesem Planeten… und wie könnte es weitergehen? Vielleicht finden sich ein paar spielerische Antworten in dieser Geschichte.

Von Herzen, Océane

murmeln

Gott und die Murmeln

Gott spielte für sein Leben gern, und seit einiger Zeit hatte er die Murmeln für sich entdeckt. Er fand großen Gefallen an ihrer kugelrunden, glatten Form und daran, wie kühl und hart sie in seiner Hand lagen. Er mochte das leise Klicken, das sie beim Aneinanderstoßen erzeugten. Immer und immer wieder füllte er die hohlen Hände mit Murmeln und ließ sie dann wieder herauskullern. Ganz besonders mochte er es, auf ihnen dahinzugleiten wie auf Rollen – er konnte sich ja nicht wehtun dabei, denn er war Gott.Er legte sich mehr und mehr Murmeln zu, ein Meer von Murmeln, und badete in ihnen. Tauchte lachend durch sie hindurch und fühlte den sanften, kühlen Druck ihrer kleinen Körper auf seinem eigenen hinwegprickeln. Wenn er ausgespielt hatte, nahm Gott die Murmeln partienweise in die Hand und schoss sie einfach davon, quer durchs Universum. Und freute sich wie ein Kind am lauten Klackern und Rollen, das sich dann irgendwann in der Ferne verlor. Ihm gefiel die Vorstellung, wie nun diese Tausenden und Abertausenden von Murmeln kreuz und quer durch den Raum schossen, um niemals wieder anzuhalten.

Eines Tages, Gott war gerade wieder vertieft in sein Murmelspiel, hatte er eine geniale Idee. Vor Freude schnippte er mit den Fingern, machte sich groß und weit und füllte sein Inneres mit all den Murmeln an, die er zur Verfügung hatte. Es waren genug. Gott war nun von Kopf bis Fuß angefüllt mit den herrlichsten Murmeln und konnte jede einzelne von ihnen in sich spüren. Er fühlte ihr Gewicht, den Druck, den sie ausübten und ihre Kühle. Und er wusste, an welchen Stellen sie die daneben liegenden Murmeln berührten. Dies war eine völlig neue Erfahrung für Gott, denn nun konnte er die kleinen Kugeln in ihrer Ganzheit wahrnehmen, nicht mehr nur ihre Oberfläche. Davor hatte er gespürt, wie hart, wie kühl und wie schwer die Kugeln waren, indem er sie berührte. Nun, da sie in ihm ruhten, wurde er sogar des Raumes gewahr, der in den Murmeln selbst lag. Er wusste exakt, wo sich jede einzelne von ihnen in seinem Körper befand und erkannte plötzlich, dass jede von ihnen einzigartig war. Es gab keine zwei gleichen. Mehr noch, er konnte sogar spüren, dass die Stellen, an denen die Murmeln sein Inneres berührten, sich genauso anfühlten wie die Stellen, an denen die Murmeln selbst einander berührten! Gott war fasziniert.

Nun setzte er sich im Schneidersitz hin und begann sich ganz langsam zu bewegen. Ganz, ganz langsam und geschmeidig wiegte er seinen Oberkörper hin und her, vor und zurück. Machte seinen Bauch groß und wieder klein und spürte, wie sich bei all seinen Bewegungen auch die Murmeln in ihm sachte bewegten. Auch jetzt wieder konnte er ihr leises Klicken hören, ja mehr noch, er konnte es sogar fühlen. Das Klicken fühlte sich lustig an, fast wie ein Kitzeln, und Gott musste lachen.

Mit der Zeit wurden die Bewegungen Gottes immer kraftvoller und schneller. Irgendwann sprang er auf und tanzte vor Vergnügen. Die Bewegungen der Murmeln in ihm fühlten sich himmlisch an, er liebte es, sie zu spüren. Auf und ab, hin und her rollten sie, stets in Verbindung mit ihm und miteinander. Und weil Gott auch alle Farben in sich trug, nahmen mit der Zeit alle Murmeln die Farben Gottes an. Je nachdem, an welchen Stellen in Gottes Körper sie sich befanden, färbten einige sich grün, andere violett oder blau und wieder andere rot oder gelb. Aber wieder gab es keine zwei Murmeln, die exakt die gleiche Färbung annahmen, ihr Ton unterschied sich immer leicht voneinander. Es war ein herrlich anzusehendes Schauspiel der Farben, eine Augenweide, und Gott selbst hatte die allerhöchste Freude daran.

Schließlich hatte Gott wieder einen neuen Einfall, wieder einen sehr genialen. Er beschloss, jeder seiner Murmeln einen kleinen Leuchtpunkt einzusetzen, genau in ihre Mitte, und er nannte ihn Gottesfunken. Als er das getan hatte, begannen die Murmeln von innen heraus zu strahlen, und Gottes Augen blitzten vor Begeisterung. Denn das Licht, das nun aus jeder einzelnen Murmel ausströmte, trug etwas von ihrer Färbung mit nach draußen und umgab sie mit einem ganz einzigartigen Schimmer. War das ein farbenfrohes Leuchten und Glimmen, ein köstliches Ineinanderfließen der Farben! Denn die Farbschimmer der benachbarten Murmeln mischten sich und erzeugten wieder neue, wundervolle Farbtöne. Gott war außer sich vor Freude und tanzte quer durchs ganze Universum, er lachte und sprang wie ein bunter Gummiball durch die Lüfte.

Irgendwann musste er sich dann aber doch wieder setzen und eine kleine Pause einlegen. Glücklich lächelnd streckte er die Beine aus und spürte in sich hinein. Auch die Murmeln beruhigten sich langsam und verteilten sich wieder gleichmäßig in Gottes göttlichem Körper. Er atmete tief und langsam, schloss die Augen, um sich zu entspannen. Und da bemerkte er es. Die Murmeln begannen, ein Eigenleben zu entwickeln. Als hätte ihr Gottesfunken ihnen eine eigene Intelligenz verliehen, begannen sie nun von alleine in Gott umherzuwandern. Als wären sie auf der Suche nach irgendwas. Gott beobachtete amüsiert das Treiben der Murmeln und war gespannt, was nun geschehen würde.

Wie groß war Gottes Erstaunen, als er feststellte, dass die Murmeln sich zu gruppieren begannen. Offensichtlich hatten sie das Bedürfnis, andere Murmeln mit Farbtönungen zu finden, die ihrer ähnlich waren. Wenn sie sie gefunden hatten, blieben sie beieinander, bis sie zu immer größeren homogenen Gruppen heranwuchsen. Mehr noch, Gott konnte beobachten, dass sie die andersfärbigen Murmeln aus ihrer Mitte drängten, und dass auch diese nach ihren Farbgenossen Ausschau hielten, bis sie sie gefunden hatten. Mit der Zeit entstanden so in Gott große Farbansammlungen, deren Leuchten sich durch ihre Gleichartigkeit noch intensivierte. Interessiert verfolgte Gott die weitere Entwicklung. Er ließ die Murmeln gewähren, warum auch nicht, er war ja Gott.

Als die Farbansammlungen nun lange genug beieinander geruht zu haben schienen, machte sich wieder eine Veränderung bemerkbar. Ganz langsam begannen sie als Ganzes voneinander abzurücken. Die orangefarbenen Murmeln koppelten sich als Gruppe von den andersfarbigen Gruppen ab, und so machten es alle Murmelgruppen. Sie drifteten weiter und weiter auseinander, und das bedeutete, dass sie Gottes Körper ausdehnten, denn Gott war darauf bedacht, immer ein klein wenig Raum zu lassen zwischen sich und den nach außen drückenden Murmeln. Das war kein Problem für Gott, denn er war ja unendlich,  und es war ihm egal, welche Form sein Körper hatte. Er fand es einfach nur interessant und beobachtete weiter schmunzelnd, was seine lieben Farbmurmeln da so alles anstellten.

Die Murmelgruppen rückten immer weiter voneinander ab, und Gott dehnte und dehnte sich aus. Welche erstaunlichen Ausmaße ich annehmen kann, dachte Gott verblüfft. Und als die Abstände zwischen den Murmelgruppen anscheinend groß genug waren, hielten sie inne. Plötzlich war es wieder ruhig. Gott hielt still und regte sich nicht. Und doch konnte er spüren – es war wie ein kaum fühlbares Pulsieren – dass sich wieder etwas Neues vorbereitete. Und kurz darauf ging es dann auch los.

Die Murmeln fingen nun an, selbst innerhalb ihrer Farbgruppen auseinanderzudriften. Weiter und weiter entfernten sie sich von einander, und irgendwann schwebten sie allein, von allen Mitmurmeln losgelöst und ohne jeglichen Körperkontakt durch den Raum. Gott wurde nachdenklich.

Doch da, ganz plötzlich, hatte er wieder eine geniale Idee.

„Ja genau!“ rief er laut aus und lachte.

Er wandte sich seinen Murmeln zu, die irgendwie planlos in ihm umherschwebten. Mit seinen mächtigen Händen sammelte er ruck-zuck alle von ihnen ein und hielt sie kurz fest umschlossen. Er schien etwas zu formen. Zu kneten. Und dann, als er lange genug geformt hatte, warf er etwas hoch in die Luft. Es war ein Ball. Ein riesengroßer, kugelrunder Ball, ja, quasi eine Riesenmurmel. Sie trug alle Farben Gottes, die auf ihr ineinander flossen, und sie war so schön, dass Gott selbst den Atem anhielt.

Mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht beugte er sich über die Riesenkugel und sagte freundlich:

„Ich glaube, dich werde ich Erde nennen.“

Dann verpasste er der Kugel mit dem Finger einen kleinen Schubs, und sie begann sich zu drehen.

(aus dem Buch „Feuer, Erde Wind & Meer“ auf http://www.facebook.com/FeuerErdeWindMeerVonAndreaMaier)