Dieter Broers: Neuorientierung

am 09.06.2013 von Dieter Broers

Dieter_broersDie dritte fiebrige Erkältung in diesem Jahr hat mich erwischt. Nichts, was man sich wünscht, aber es gibt auch einen positiven Aspekt: Die aktuen Symptome befreien mich von meiner Alltagsroutine und das erleichtert es mir, eine Innenschau zu betreiben. Indem ich in meinen Körper hineinfühlte, nahm ich ein außerordentlich erhebendes Gefühl wahr. In diesem Zustand höre ich mich voller Demut die Worte sprechen „Du wunderbarer Körper, ich danke Dir vom ganzen Herzen!“ Zutiefst berührt von meiner Wahrnehmung wiederholte ich diese Worte und berührte meine Haut mit einem sanften Streicheln. Ein ganz neues Selbstempfinden stellte sich dabei ein. Das hatte ich noch nie so gepürt, noch nie so erlebt. Ich begann mit meinem Körper auf einer völlig neue Weise zu kommunizieren. Mein Körper reagierte spürbar auf meine Stimme und doch ist es mir unmöglich, mit Worten genauer zu beschreiben, was ich in diesen Momenten erlebte.

Mir wurde klar, dass diese Erkältung noch eine tiefere Bedeutung hatte. Man könnte diese Erfahrung als das Resultat eines fiebrigen Prozesses erklären; was theoretisch ja möglich wäre. Aber wie dem auch sei, für mich war diese Erfahrung einzigartig. Niemals zuvor erlebte ich eine so unmittelbare Wahrnehmung meines Körpers und sie schlug um in die Gewissheit, dass dieses neue „Erleben meines physischen Seins“ nichts mit meiner Körpertemperatur zu tun hatte, denn ich habe schon weitaus intensivere Fieberphasen erlebt.

Heute bin ich wieder frei vom Fieber und erfahre etwas sehr ähnliches. Aus heiterem Himmel werde ich in einen Zustand versetzt, der mich sofort an mein eben beschriebenes Körpererlebnis erinnerte. Während einer Autofahrt betrachte ich eine Baumlandschaft im Regen – eine Landschaft, die durch nichts Besonderes aufzufallen schien. Und doch hörte ich mich plötzlich die Worte aussprechen: „Mein Gott, bist Du wunderschön!“. Ich sprach diese Worte in einem Zustand der absoluten Freude und es erschien mir auch in diesen Moment – wie bei meiner Körpererfahrung – eine Kommunikation stattzufinden, eine unmittelbare Kommunikation mit der Natur. Dieser Zustand war erfüllt von Demut und Freude. Beide Erfahrungen schienen etwas gemeinsam zu haben; so unspektakulär diese Zeilen auch erscheinen mögen, so bringen sie doch etwas ganz Besonderes zum Ausdruck: Das Potenzial unserer geistigen Ausrichtung. Und die Bewusstwerdung und Erkenntnis von dem, was ist. Offenbar bringt es der Verstand alleine nicht zustande in diese Ebenen der Wahrnehmung einzutauchen. Er deutet und bewertet und verbirgt damit unsere unmittelbare Sicht auf die Dinge wie sie wirklich sind. Unzensiert und echt. Was die Natur betrifft – wozu auch unser physischer Körper zählt – erwartet uns eine harmonische und liebevolle Seinsform. Sie unmittelbar wahrzunehmen bedeutet unermessliche Freude. Diese Wahrnehmung und Freude beschenkt uns mit Kraft und dem Willen für „eine bessere Welt“. Diese Wahrnehmung lässt uns erkennen, was auf der Erde einfach falsch läuft. Wie soll sich unsere Welt zum besseren ausprägen wenn wir keine konkrete Vorstellung von unserer besseren Welt haben? Unzufriedenheit allein wird sicherlich keine bessere Welt entstehen lassen.

Als ich die aktuellen Nachrichten zum Thema „Jahrhunderthochwasser“ im Radio hörte, tauchten plötzlich zwei Fragen in meinem Kopf auf: „Kann es sein, dass uns erst der Zustand des Leids erlaubt, unsere innersten Wünsche zu erkennen?“ Und ich frage mich: „Hätte ich meine besondere Körpererfahrung auch ohne meine „Krankheit“ (Erkältung) machen können?“ Sicherlich erleichtert uns eine Krankheit oder ein Schicksalsschlag eine Innenschau zu betreiben. Beide Ereignisse führen dazu, dass unserer Routine des Alltags unterbrochen wird. Im Grunde ist Routine ein Prozess der Unbewusstheit. Erst eine Unterbrechung ermöglicht eine Neuorientierung. Potenziell jedoch ist uns diese Optionen immer gegeben. Wir könnten jederzeit von ihr Gebrauch machen. Offenbar geschieht das jedoch außerordentlich selten. Ich zumindest brauchte wohl erst eine Erkältung, um mich in meiner Ausrichtung neu zu orientieren. Die Basis hierfür ist meine Erinnerung an den so wundervollen Zustand der Freude, den ich allein durch die Wahrnehmung der Natur erfuhr. Und ich beschliesse hiermit, sämtliche zukünftigen Krankheiten aus meinen Erfahrungsschatz zu entfernen, indem ich mich mit meinen Sinnen auf das fixiere, was mich am meisten beglückt: Eine Welt in nachhaltiger Freude, die aus Handlungen von bedingungsloser Freiheit entsteht und aus der unmittelbaren Wahrnehmung der Göttlichkeit der Natur.


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