Medizin – Deutsch / Deutsch – Medizin – Teil 2

am 09.09.201 auf menschfreidenker

vkrankenhEs ist Freitagabend, in einer beliebigen Notaufnahme in Deutschland. Wahlweise auch der Nachmittag eines Vorfeiertages oder der Tag vor Weihnachten oder Silvester. Kurzum, die Zeit, an denen die ohnehin schon sehr magere Besetzung in den Altenheimen noch ausgedünnt ist.

Was erwartet uns nun neben all denjenigen, die nun selber frei haben und feststellen, dass die seit Jahren bestehenden Rückenschmerzen nun nicht mehr auszuhalten sind, denen, die just nun gemerkt haben, daß der Hausarzt ja im Ulaub ist und denen, die ihre seit zwei Tagen bestehende Obstipation (Verstopfung) nicht selber behandeln können, können wir uns sicher sein, daß das für diese Tage typische Klientel eintrifft.

Über den Aufnahmezwang wurde bereits in Teil I berichtet. Und nun kommen sie aus den Zulieferbetrieben, die sich wie Motten ums Licht oftmals in der Nähe der Krankenhäuser befinden. Sie, das sind alte und kranke Menschen, die ihren Lebensabend in Altenheimen verbringen müssen.

Sie kommen mit Einweisungsdiagnosen wie Exsikkose, was nichts anderes heißt alsAustrocknung. Eigenartig, das Trinkprotokoll belegt doch eine durchaus adäquate Flüssigkeitsaufnahme. Oder sie kommen direkt mit einem Rettungswagen, weil befunden wurde, daß sich ihr Zustand urplötzlich verschlechtert hat. Ihr AZ, also der Allgemeinzustand, ist nun nicht mehr für das Heim tragbar. Ja, gestern haben sie noch gesungen und getanzt. Sie seien vollständig mobil gewesen. Ja, und natürlich haben sie gegessen und getrunken.

Vor Dir liegt jemand, dessen Körper geputzt wurde, die – falls noch vorhandenen – Haare sind gekämmt, die Windel, oops, die Schutzhose ist frisch. Das ist noch der bessere Zustand. Es gibt auch die Menschen, die aus ihrem Altenheim kommen und in ihren eigenen Exkrementen schwimmen. Doch gemein ist ihnen, das es verwahrte Körper sind. Körper, die Arbeit machen, die Zeit und Mühe kosten. Das ist bei der Personaldichte nicht möglich. Also wird die AZ-Verschlechterung postuliert. Der Mensch, der schon seit Jahren nicht mehr gesprochen hat, habe gestern noch vorgelesen. Die Kontrakturen (Versteifung der Muskeln) sind innerhalb von Stunden entstanden. Woher die stehenden Hautfalten kommen, ist gänzlich unerklärbar. Und nein, der frische Knochenbruch kommt sicher nicht von einem Sturz, schließlich ist in der Pflegedokumentation nichts aufgeführt.

Sehen wir uns in den Altenheimen, die oftmals wohlklingende Namen von Heiligen tragen, doch einmal um. Auch hier gilt, daß nur ein belegtes Bett Geld einbringt. Dass Altenheime nicht aus Liebe zu Menschen geführt werden, solle an dieser Stelle nicht erwähnt werden müssen. Wir haben es wieder einmal mit der Ware Mensch zu tun.

Je höher die Pflegestufe, desto mehr bringt der Bewohner dem Heimen. Wundert es nun, dass alte Menschen mit einer initial niedrigen Pflegestufe es schaffen, innerhalb kürzester Zeit immobil und ein Vollpflegefall zu werden. Heime sind knallhart. Bei Aufnahme wird den Angehörigen ein Blankoschuldschein untergeschoben, und sollten die eigenen Einkünfte des Bewohners nicht mehr reichen, so werden diese herangezogen. Hauptsache, die Kasse klingelt, denn sonst kann die Pflege nicht mehr gewährleistet werden.

Sehen wir uns den Tagesablauf an. Am Morgen gibt es Frühstück. Für alle zusammen im Gemeinschaftsraum. Wen das an Jugendherberge erinnert, der liegt nicht so falsch. Nur, dass es in Jugendherbergen keine Bewohner gibt, die vor ihre Stulle gesetzt werden und diese nicht essen können. Die dort sitzen und sitzen und sitzen. irgendwann wird dann abgeräumt. In einigen Heimen gibt es Abführtage. Das heißt, dass alle Bewohner an bestimmten Tagen ein Abführmittel erhalten und entsprechend synchron, na ja, Ihr könnt es Euch vorstellen.

Mittag- und Abendessen gestalten sich dem Frühstück ähnlich. Wer nicht essen kann, kann halt nicht essen. Es gibt ja schließlich noch hochkalorische Nahrungsmittel, um das Gewicht zu halten. Im Volksmund heißt das Astronautenkost, und genauso schmeckt es auch. Den übrigen Tag verbringen die Bewohner nach Gusto. Mit etwas Glück gibt es Gruppen, in denen gemeinsame Aktivitäten durchgeführt werden. Ansonsten bleibt der immobile demente Mensch halt in seinem Bett liegen. Gut für die Kontrakturen.

Was tut das aus einem Examinierten und einem oder zwei Schülern oder Praktikanten bestehende Pflegepersonal derweil. Richtig, pflegen – und zwar die Pflegedokumentation und den Wust an Protokollen, wie z. B. das bereits erwähnte Trinkprotokoll. Denn nur, was dokumentiert wurde, gilt auch als durchgeführt. Anders herum, es ist egal, ob etwas durchgeführt wurde, Hauptsache, es ist protokolliert. Denn nur das interessiert bei der nächsten Prüfung. Sauber muß der Bewohner sein. Es ist nicht wichtig, ob hier ein Mensch oder eine seelenlose Hülle gestriegelt und gebügelt wird, das zu begutachtende Objekt muß sich in einwandfreiem Zustand präsentieren, wobei sich dieser Zustand auf das äußere Bild beschränkt.

Insbesondere der demente Mensch ist eine Herausforderung. Wenn die späte Trotzphase, in der sich noch gegen den selbst bemerkten Verlust der eigenen Fähigkeiten gewehrt wird, überwunden ist, sehen wir uns einem ruhigen und unbeweglichem Geschöpf gegenüber, das mit leeren Augen an die Decke starrt oder mit offenem Mund stumm in seinem Bett liegt. Das sind dankbare Bewohner, denn sie wehren sich nur noch selten und können, ähnlich einem Möbelstück, hin und wieder abgestaubt werden. Selbst wenn sie inkontinent sind, merken sie es nicht (?) wenn der Wechsel unterbleibt – dokumentiert wurde auf jeden Fall.

Für Menschen, die unruhig sind, weglaufen wollen oder andere Schwierigkeiten machen, gibt es ein Arsenal an Medikamenten um sie gefügig zu machen. Psychopharmaka stellen die Nachtruhe sicher, und wenn es einen Überhang am nächsten Tag gibt, auch nicht schlecht, dann ist länger Ruhe. Oder aber auch, der Bewohner ist nicht „erweckbar“ und man kann ihn mit dem Verdacht auf einen Schlaganfall inʻs nächste Krankenhaus einweisen. Natürlich gibt es noch eine Reihe von Gegenmitteln, die uns dank der Pharmaindustrie zur Verfügung stehen.

Auch wir Menschen sind ein Teil der Natur. Und wie alles hier, wir werden geboren, wachsen und gedeihen, blühen und irgendwann welken wir und werden wieder zur Erde. Das ist der ganz normale Zyklus. Bei den Bewohnern von Altenheimen handelt es sich um welkende Pflänzchen, die sich dem Status des Kindes annähern. Sie können irgendwann, ähnlich dem Säugling, ihre Bedürfnisse nur durch instinktives Verhalten kundtun. Sollten alte Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt behandelt werden wie eine Ware, um die Kassen der caritativen Einrichtungen zu füllen? Auch wenn sie sich nicht eloquent äußern können, so spüren sie den Umgang mit ihnen. Es gibt in Heimen keine Heimat mehr. Kein eigenes Bettzeug, kein Essen nach persönlichem Geschmack, und die Mitarbeiter, die ihren Bewohnern Zeit und Zuneigung schenken, sind meist die ersten, die gehen müssen. Zeit und Zuneigung ist nicht in Geld zu messen. Und nur das zählt in Heimen.

– dieser Aufsatz wurde von barmoe lediglich veröffentlicht –

Eine harte Umschreibung der Zustände und zumindest finden diese Zustände statt und auch wohl leider in der Mehrzahl der Pflege- und Altenheime.  Bitte geht ob so einem Text nicht in Wut und Trauer, sondern ins Mitgefühl und schickt Licht und Liebe alle alle Beteiligten, gerade an die, die es verursachen …  Doch bedenkt, es gibt auch Heime, wo es anders ist.  Und wer kann und mag, kann sicher ein Heim finden, wo er einfach da ist für einige Moment, wo er sich Zeit nimmt, mit den Menschen dort zu sprechen und ihnen Liebe und Aufmerksamkeit gibt.