Ist doch eh Wurst!

am 15.05.2014 auf The Information Space von Steven Black

Der “Conchita Wurst Case” bewegt derzeit Gemüter, und das erstaunlich länger als man annehmen hätte können. Okay, da hat also ein Ösiländer nen Singwettbewerb gewonnen, oder Ösiländerin? So what? Mir persönlich ist sowas ja völlig schnurz, ich guck kein TV.

Interessant aber finde ich, was für einen Hype und was für gegenteilige Reaktionen dies auslöste.

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Fast 37 000 Leute gaben der Facebook Seite “NEIN zu Conchita Wurst beim Song Contest” ihre LIKES. Und ein 26-jähriger Weißrusse, der Veterinärmediziner Artyom Kirashyov hat gar eine Online Petition gestartet, um eine „normale und gesunde Familie zu erhalten“, es solle gleich der ganze Song Contest eingestellt werden. Im großen und ganzen reichen die Kommentare von “toll”, super” bis “inakzeptabel”, “beleidigend”, “obszön” und “pervers”.

imagePolarization at his best!

Diesen Leuten ist offensichtlich nicht bewusst, daß “gerechte Empörung” immer schon das Streichholz war, mit dem man die Menschen für einen Krieg entflammen konnte.

Na gut, da ist also ein Kerl in Frauenkleidern und macht einen auf “Drag Queen”. Singen tut der Perverse auch noch .. wie überaus gefährlich für die Jugend! Sofort verbieten, am besten gleich das Recht auf Leben streichen .. Ich meine, wo kämen wir da bloß hin, wenn die eigene Moralvorstellung nicht mindestens Weltweit geeicht würde?

Wenn sowas passiert, und eine emotionalisierte Bevölkerung um sich schlägt, dann werde ich neugierig. Dann will ich wissen, was genau da abläuft und ich versuche mir einige Gedanken dazu zu machen. Meiner Ansicht nach passieren solche Dinge nicht “einfach so”, da gibts immer etwas zu lernen.

Aber ich kann natürlich ohne weiteres nachvollziehen, wenn einige Leute diesen “Eurovision Song Contest” Sieg als Gender Propaganda auslegen. Wir brauchen uns auch nicht lange damit aufhalten, daß der ganze Genderwahn eine Pest ist und letztlich nur eine umgekehrte Medaille der allgemeinen Gleichmacherei ist. Nur eben, daß man plötzlich in den Schulen Kinder “Geschlechtsneutral” unterrichten will und aus dem Er und Sie, ein “neutrales Es” werden soll.

Soviel blinde Hühner kann man gar nicht mehr zählen, die mit komischen Ideen herumlaufen.

Aber damit hat diese Geschichte nichts zu tun, dies ist eher eine Story der Selbstermächtigung, wo jemand, der nicht grade die Mehrheit der Bevölkerung präsentiert, dem/der total egal ist, was man drüber denkt und einfach sein Ding macht.

Ich persönlich finde weder den Song ansprechend, noch die Person. Aber ich zolle ihm/ihr meine Anerkennung dafür, sich da hinzustellen und obwohl im Vorfeld schon schräge Beleidigungen gefallen sind, einen Auftritt hinzulegen, der zumindest demonstrierte sich nicht unterkriegen zu lassen und dann sein Bestes gab.

Sound ist immer eine Frage des persönlichen Geschmacks, ich als Rockfan kann da gar nicht wirklich mitreden, aber ich erkenne eine gute Stimme, wenn ich eine höre. Singen kann die/der Wurst, das können alle dortigen Teilnehmer auch. Du kannst da gar nicht mitmachen, wenn du singen nur als Hobby betreibst und deine Töne nicht wirklich halten kannst. Soll sich doch mal jemand der Fingerzeiger da hinstellen, der meint, er kann’s besser ..

Ja, ich hab mir über You Tube “Rise Like A Phoenix” angehört, und hab mir den Kerl, dem nach eigenen Angaben schon mit 12 Jahren bewusst wurde, aufs eigene Geschlecht zu stehen, angeblich mit Ehemann Jacques Patriaque verheiratet ist und im Frauenkleid auf der Bühne stand angeschaut .. allerdings ist der Ehemann – wie die Kunstfigur “Conchita” – nur ein Teil ihrer/seiner erfundenen Biografie. Denn im echten Leben ist Jacques Patriaque natürlich nicht ihr Ehemann, sondern einfach ein guter Freund, wie auch ihr Management bestätigtwurstmanagement

“Er ist vergeben und zwar seit circa einem halben Jahr. Seit November 2013 ist der Sänger in einer Beziehung. Erst nachdem sie sich kennengelernt haben, hat sein Freund von der Kunstfigur erfahren. “Aber jetzt findet er mich als Mann und als Frau attraktiv. Das finde ich wunderschön”, so Tom gegenüber dem Schweizer Magazin “Blick”.Nun ja, wasauchimmer, so läuft halt ein Kunstprodukt. Dann hab ich mir noch einige Familienbilder des Menschen angesehen, der irgendwie eine Ähnlichkeit mit dem jungen Bill Kaulitz von Tokio Hotel hat (naja, wenn der Bart gehabt hätte ).

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Und was ich da gesehen habe, ist ein junger und selbstbewusster Mensch, den seine Familie genommen hat wie er IST und ihm zur Seite standen, obwohl er “anders” war. Die bewerten das einfach nicht, wieso also erlaubt sich der Rest der Welt, hierüber eine Abwertung vornehmen zu können?

Was genau ist es, was die Leute so triggert? Warum fühlen sie sich so unangenehm berührt, wenn da ein Kerl ist, der von sich sagt “ich mag Männer und ich bin OKAY so wie ich bin”?

Zugegeben, ich hatte auch schon “komische Ideen” darüber, warum Männer Männer mögen und einige Frauen lieber auf Frauen stehen. Tatsache ist aber, die MÖGEN das, die stehen einfach drauf, PUNKT. In unserer Gesellschaft muss alles sofort ein Etikett bekommen, und wenn es den persönlichen Anschauungen zuwiderläuft, dann wertet man erstmal ab, anstatt zu schauen, was da noch alles dranhängen könnte.

Wenn ein Mann einen Mann, eine Frau eine Frau liebt, dann sind da primär zwei Menschen die Liebe füreinander empfinden. Who really cares?

imageÜber Freddy Mercury und unzählige andere Künstler hat sich doch auch keiner beschwert, und den Songs, die sie der Welt schenkten!

Nachdem inzwischen Gesetze dafür erlassen wurden, und eine zumindest staatliche Anerkennung existiert, daß dies sein darf, hinken aber ein Großteil der Menschen diesem Toleranzgedanken noch etwas nach. Ich muss sagen, ich bin heilfroh, das dieser Kelch an mir vorrübergegangen ist. Mit so einer sexuellen Ausrichtung aufzuwachsen, die gegen die offizielle Moralrichtung geht, dürfte wirklich kein Zuckerschlecken sein. Da brauchst du bestimmt viel Kraft und Selbstwertgefühl, um deine Neigung offen auszudrücken zu können.

Doch wenn die Seele entscheidet, so eine Erfahrung zu machen, dann ist das halt so und man sollte tunlichst seine Klappe im Zaum halten und glücklich mit dem sein, was man seine eigenen Neigungen nennt.  Da haben wir alle genug damit zu tun, oder? Meine Seele hat mir andere, vermutlich nicht weniger schwierige Aufgaben gestellt, die ich zu machen und zu erfahren habe. Von daher hab ich auf die harte Tour gelernt, wie schwierig diverse Lebensaufgaben sein können.

Ich finde auch, man muss das nicht gut finden, bloß weils ein Hype ist. Aber wir können Anerkennung zeigen, indem wir den Menschen als gleichwertig akzeptieren. Ich meine, der tut doch keinem etwas, er grapscht nicht nach kleinen Kindern, und niemand muss befürchten zu erblinden, bloß weil man ihn sieht. Er/sie bringt keine Leute um, verkauft keine Drogen, bricht in keine Häuser ein und ist GEGEN KRIEG.

Das die Wurst Erfolg hatte und den Sieg zugesprochen bekam, ist der Arbeit vieler Hände geschuldet. Gutes Management, finanzielle Unterstützung, Text und Lied stammen aus der Feder des internationalen Autorenteam Charly Mason, Joey Patulka, Julian Maas und Ali Zuckowski, welche schon für Christina Stürmer und unter anderem auch für Sarah Connor gearbeitet haben.

Erfolg ist immer eine Multifaktor Angelegenheit, aber all das Geld, Text und Komponisten nutzen dir nichts, wenn du als Sänger nicht performen und singen kannst. Und DAS kann die/der Wurst ganz offensichtlich, aber letzten Endes ist Erfolg auch eine Glückssache. Und dieses Glück erfährt meist der, der an sich glaubt und nicht aufgibt ..

Daß daraus ein Hype wurde und plötzlich alle, von der Politik bis Wirtschaft und Medien ihr Stück vom Kuchen abhaben wollen, ist nur menschlich und nachvollziehbar.

Wisst ihr, was für ein Spruch bei der Preisverleihung von der Wurst kam? Der Sieg wurde von ihr/ihm gewidmet:

„Everybody who believes in a future of peace and freedom. We are a unity and we are unstoppable“

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“Für alle, die an eine Zukunft in Frieden und Freiheit glauben. Wir sind eine Gemeinschaft und nicht aufzuhalten.”

So, dieser Satz könnte auch vom typischen “Eso Fuzzi” von nebenan gesagt worden sein. In der TV Öffentlichkeit kann der durchaus als kitschig empfunden werden, aber ist er deswegen falsch? Er drückt Hoffnung in einer Welt aus, die derzeit gehörig am Rad dreht. Wir können gar nicht genug Leute haben, die sowas öffentlich sagen.

Die wirkliche Frage die dahintersteht ist – wann werden wir endlich soweit sein und ich meine als Gesellschaft, daß wir aufhören andere Menschen zu verurteilen, für das was sie sind und tun? Jemand wie die Wurst bringt offensichtlich diese Dinge etwas in Gang und stimuliert Kontroversen dazu. Wir brauchen uns gar nicht einbilden, daß eine 4. oder meinetwegen 5. Dimension zur Verfügung steht, bevor diese Dinge nicht gelöst und abgehakt sind.

Wann werden wir als Menschheit soweit sein, einen glaubwürdigen Weg von Augenhöhe mit JEDEM Menschen zu finden?

Ich seh das so, hier ist ein Mensch der den Weg seiner Selbstbestimmung geht und was alle anderen dazu sagen.. – nun ja, ist doch eh WURST!

Untill next time, same station ..

Quellennachweise:

http://m.iboys.at/modules.php?name=magazin&file=detail&mid=699

http://kurier.at/thema/songcontest/der-phoenix-ist-gelandet-conchita-wurst-kehrt-zurueck-vom-eurovision-song-contest/64.927.587

http://www.woman.at/a/conchita-wurst-privat

http://www.news.at/a/conchita-wurst-freund

http://www.t-online.de/unterhaltung/eurovision-song-contest/id_69379592/wurst-song-rise-like-a-phoenix-entstand-mit-deutscher-beteiligung.html

http://kurier.at/thema/songcontest/song-contest-conchita-wurst-triumphiert-in-kopenhagen/64.821.135

© Steven Black

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